1996: Der Sieger wechselt, die Siegerin nie

Sigrid Wulsch gewinnt erneut / Bei den Herren ist Christoph Schöning vorn
Eiszapfen an den Ohren, zugefrorene Augenlider und vereiste Bärte. Gebrochene Elektrokabel, eingefrorene Musikinstrumente und vereiste Flaschen Bier und Cola. Der 15. Silvesterlauf von Werl nach Soest – ein Rennen in arktischer Kälte gegen den eigenen Schweinehund. Polarkälte in Westfalen, Eiswind aus dem Osten. Und 3 700 Läufer und Wanderer auf der Bundesstraße eins, die sich sowohl der sportlichen als auch der klimatischen Herausforderung stellten.
„So gefroren habe ich noch nie. Ich dachte das überlebe ich nicht“, bibberte die Königin des Silvesterlauf, Sigrid Wulsch aus Menden. Gerade war die Abo-Siegerin zum sechsten Mal als Erste über die Ziellinie gelaufen. Zeit: 57:20 Minuten. „Die Zeit spielt keine Rolle“, sagte die damals 43-jährige Bauingenieurin. Zu langen Jubelszenen fehlte ihr die Kraft. „Das war das brutalste Rennen, das ich jemals gelaufen bin“.
Minus 13 Grad beim Start in Werl, ganze 16 Grad unter Null bei der Zieleinkunft 15 Kilometer später in Soest. „Wahnsinnig“ seien die Temperaturen gewesen, urteilte auch Christoph Schöning vom TV Wattenscheid. Für den Herdecker wurde die Silvesterlaufpremiere gleich zu einem Einstand nach Maß.
Die Führungsarbeit teilte er sich auf den ersten sechs Kilometern mit Bernd Schapdick (Dorsten) und dem überraschenden Lokalmatadoren Martin Haselhorst (LG Menden). Dann fiel Haselhorst zurück, fand jedoch auf den letzten drei Kilometern wieder Anschluss.
Gleichauf war das Führungsduo auch, als 2 Kilometer vor dem Ziel etwas geschah, was Sieger Schöning später „etwas unglücklich nannte“: Konkurrent Schapdick wäre fast falsch gelaufen und lief einen Schlenker. Das wars. Schönings Sieg in 49:37 Minuten war nicht mehr gefährdet.
Die Tiefkühl-Temperaturen machten aber nicht nur den Sportlerinnen und Sportlern auf der Strecke zu schaffen. Auch der Silvesterlauf-Fan in den Dörfern fror munter vor sich hin. Doch abhalten konnten ihn die Temperaturen keineswegs. Dick vermummt verfolgten mehr als zehntausend Zuschauer das Lauf-Spektakel und sorgten einmal mehr für Volksfest-Stimmung. Die vorzügliche Organisation der ausrichtenden Vereine DJK GW Werl, LC Soester Börde, Marathon Soest und VfJ Lippborg wurde auch mit den Wetter-Erschwernissen fertig.
Am Ende der Wohltätigkeitsveranstal-tung standen rund 85 000 Mark Erlös für die Wohngruppe Möhnesee, ein privat geführtes Waisenhaus.
Premiere feierte in diesem Jahr übrigens auch ein neues Chip-System. Der eingeführte Champion-Chip sorgte für eine genauere und einfachere Zeitnahme der zurückgelegten 15 Kilometer. High-Tech beim Silvesterlauf. Hochmoderne Technologie hielt Einzug. Der am Schuhwerk befestigte Champion-Chip wurde mit dem Startschuss in Werl aktiviert. Beim Überqueren der Zielmatte in Soest lösten die Teilnehmer einen Impuls aus, der die Uhr stoppte. Eine Entwicklung, die den Silvesterlauf wieder ein Stück nach vorn brachte, wurde doch die Bewältigung der Massen beim Zieleinlauf endlich gelöst. 
|